
Eine Fahrkarte – manchmal gar nicht so einfach zu haben. (Bild: dpa)
Frankfurt Hauptbahnhof, jüngst kurz nach Feierabend. Der Intercity in Richtung Karlsruhe wird wie üblich als zehn Minuten zu spät angekündigt. Heute passt mir das prima in den Kram, will ich doch gute 200 Euro für eine Monatskarte loswerden. Und unglaublicherweise ist das Reisezentrum um diese Zeit mal nicht brechend voll. So viel Gutes bei der Deutschen Bahn auf einmal? Es hätte mich stutzig machen sollen.
“Eine Monatskarte nach diesem Muster”, sage ich am Schalter und krame mein ablaufendes Ticket aus dem Geldbeutel. Doch die Beamtin Frau auf der anderen Seite hebt den Finger und sagt ohne große Rührung: “Sie müssen erst eine Nummer ziehen.” Ich schaue sie etwas verwirrt an, spüre stechende Blicke von dem Bahn-Personal an den beiden (freien) Schalten nebenan. “Eine Nummer?” – “Ja, da ganz vorne am Eingang am Automat”, sagt sie gelassen. Dass ich mich mangels Andrang wohl kaum vordrängen kann – egal. “Sie müssen eine Nummer ziehen.”
Ich laufe zurück zum Eingang, ziehe wie beim Finanzamt eine Nummer und laufe zurück zum Schalter. “Eine Monatskarte nach diesem Muster”, sage ich. Doch die Beamtin Frau auf der anderen Seite hebt den Finger und sagt ohne große Rührung: “Sie müssen warten, bis Ihre Nummer an einem der freien Schalter angezeigt wird und dann dort hingehen.”
Dort bin ich nicht hingegangen – sondern jetzt doch recht flott zum Gleis. Selbst eine Intercity-Verspätung reicht nicht, um bei der Bahn gut 200 Euro loswerden zu können. Unterwegs sehe ich im Augenwinkel auch die Ankündigung des neuen Bediensystems im Reisezentrum. Von Verbesserung ist dort die Rede und mehr Service. So viel Gutes bei der Deutschen Bahn auf einmal? Es hätte mich stutzig machen sollen.


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Die Sache mit der Nummer hat meine Freundin in Bonn so erlebt: Sie hatte zwischen zwei Anschlusszügen ein wenig Zeit und wollte sich nach einer Bahncard für ihre Tochter erkundigen. Praktischerweise war das Reisezentrum leer, freundliche Schalterkräfte blickten sie erwartungsfroh an, und sie steuerte zielstrebig den Tresen mit der sympathischsten Besetzung an. Da warf sich ihr ein Bahnangestellter in den Weg und rief mit lauter Stimme: “Sie dürfen hier nicht einfach an einen Schalter gehen. Zuerst müssen Sie eine Nummer ziehen.” Meine Freundin war schon durch den Ton des Bahnaufpassers “bedient” und verzichtete auf die Auskünfte. Wir haben hinterher lange gerätselt, wie denn das Verhalten des Nummern-Cerberus zu erklären sein könnte. Meine These: Es gab bei der Bahn eine Nummern-Schulung mit Motivationstraining. Seitdem glüht der Mann vor Eifer und will jeden von den Segnungen der neuen Regel überzeugen. Frei nach dem Motto: Wenn schon Innovation, dann aber konsequent. Das ganze riecht nach preußischem Kadavergehorsam, den die Kunden wohl lernen sollen. Oder es erinnert an Lenins Bahnsteigkarte, die die Deutschen vor der Revolution kaufen. Grundsätzlich ist die Nummern-Regelung ja sinnvoll. Sie wirkt bei vollen Servicezentren entspannend. Nur wenn es leer ist, das sollte vielleicht bei der nächsten Schulung beachtet werden, könnte man den Fahrgästen ruhig freien Lauf lassen. So geht das übrigens an der Fleischtheke in meinem Supermarkt auch. Natürlich höre ich schon im Voraus den fragenden Einwand, wo hört denn “leer” auf und wo fängt “voll” an. Und man müsste ja, wenn einer ohne Nummer durchkommt, dann alle durchlassen – und das alte Geschiebe ginge wieder los. Vielleicht verinnerlichen ja auch alle Bahnreisenden das Nummernwesen und irgendwann kann sich keiner mehr vorstellen, wie es ohne gehen könnte. Dann hätte der Fortschritt gesiegt und Überlegungen wie die hier im Blog wären überflüssig. Also auf, nicht lange nachdenken, sondern Nummern ziehen in der schönen neuen Welt der Bahn. Und nichts wie raus auf den Bahnsteig – ordentlich Revolution machen ist angesagt!
Comment by Edgar Auth — 3. November 2009 @ 17:21
Wenn ich in ein Geschäft gehe mache ich die Augen auf. So auch als ich mir eine Fahrkarte kaufen wollte. Wer deutsch und englisch spricht findet neun mal (auch sehr groß) das man bitte eine Nummer ziehen soll. Dies habe ich auch getan. Und dann erstmal platzgenommen. 30 Wartende vor mir, das kann lange dauern. Zum Glück sitze ich jetzt, nicht wie vorher (dumm Schlange stehen, und wenn man am Schalter stand haben alle hintendran schon mit den Füßen geschsarrt). Und siehe da, nach knapp 4 Minuten war ich dran. Waren auch 14 Schalter geöffnet! Kurz zur Grundaussage meines Kommentares zurück: Augen auf beim Fahrkartenkauf
Dann klappt es auch mit dem Ticketkauf. Ach ja, die Nummern gibt es schon seit April xD
Comment by Werner Kreuz — 15. Januar 2010 @ 12:38
guten Tag,
warum sind die Deutschen nur so eigensinnig ?
Eine geregelte Reihenfolge mit einem Ticketsystem ist doch wunderbar für jeden. Zeigt es doch eine Wertschätzung für den “Menschen” ! Aufrufsystem passen überall hin wo Menschen – bedient – beraten oder behandelt werden.
Aufrufsysteme gibt es auf der ganzen Welt und ist eine schwedische Erfindung. Inzwischen schon über 80 Jahre alt. Der Erfinder war AKE FRANZéN – er hatte eine geniale Idé.
Menschen die sich åber ein solches Ordnungssystem aufregen sollten doch bitte zuerst einmal ihr Gehirneprom (soferne diese eins haben) einschalten und versuchen einmal schlicht und einfach nachzudenken !
Mit fröhlichen Grüßen
josef peter rupp
Lass dir nur Zeit! Auf der Überholspur gibt es keine Rastplätze
Comment by Josef Peter Rupp — 5. April 2012 @ 13:22