23. September 2010

Absurdistan auf der Schiene

Category: PB1 - Reiseberichte — Kerstin Holzheimer @ 14:09

Wie langweilig ist doch die Autoreise. Da kann der Reisende höchstens etwas von Stau auf der A3 erzählen. Ganz anders die Bahnreise: Hier lässt sich wortreich die Absurdität der Realität schildern. Zum Beispiel anhand der Städteverbindung Frankfurt-Kassel.
Die Distanz – eher kurz. Die Uhrzeit nicht abartig – Abfahrt laut Plan 17.48 Uhr ab Frankfurt.

Kann gar nicht schief gehen: 17.38 Uhr mit der S-Bahn vom Süd- zum Hauptbahnhof – von Gleis 18 dann auf den neuen Turnschuhen im Schnellgang mit dem Trolley zu Gleis 8 und da einsteigen in den ICE nach Kassel. Gut – die S-Bahn riecht etwas streng und scheint älteren Baujahrs zu sein – fährt aber flug und pünktlich ein. Mit wehendem Mantel im Slalom durch den Publikumsverkehr aus aller Welt und – Heureka! – mehr als pünktlich am Bahngleis.
Da stehen auch gefühlte 1000 andere Menschen (wieviele gehen eigentlich in einen Zug?). Bloß leider kein Zug. Vielleicht hilft die Anzeige ja weiter? Nicht wirklich: Zug hat 100 Minuten Verspätung. Tja – das wird dann wohl nichts mehr mit der Veranstaltung.

Vom Junkie zum Engel

Also zurück zur Information – die Schlange reicht zurück bis an die Gleise. Weiter zum Reisezentrum – gar so lang wirkt die Schlange nicht. Bloss muss man hier Nummern ziehen – und die aktuelle Nummer ist meilenweit von der letzten aufgerufenen entfernt.

Hier muss es doch einen Aushang geben, wo man sieht wie man nach Kassel kommt – also zurück zum gelben Schild. Doch daraus ist nichts zu entnehmen. Also doch ins Reisecenter – mit der Ankunft um 20 Uhr kann das so aber nichts mehr werden.

Nummer ziehen, anstellen – und mit Herzklopfen warten, weil man doch erwartet wird und jetzt hier festhängt. Sowas kann ja ewig dauern. Ich habe Nummer 3048 – aufgerufen wird gerade die 3010. Trübsal blasen ist angesagt. Gleich daneben steht ein junger schwarz gelockter Mann. Könnte ein Junkie sein, so wie die Klamotten aussehen. Besser die Tasche schön festhalten und den Koffer zwischen die Knie geklemmt.
Dann spricht mich der Typ auch noch an: Ob ich eine andere Nummer haben wolle – 3019 – die habe er von jemandem erhalten, der nicht mehr warten wollte. Er selbst hat die 3014. Und ob ich will – und ob meines reichlich schlechten Gewisssens bedanke ich mich überschwenglich.

Noch zwei Minuten bis zur Abfahrt

Fast im Fluge scheint es jetzt zu gehen und die Dame am Schalter braucht auch nur zwei Minuten um mir einen neuen Zug nach Kassel rauszusuchen. Allerdings auf Gleis 4 in zwei Minuten.
Gut dass die neuen Turnschuhe so griffig sind, auch auf glatten Bahnhofsplatten – der fliegende Reisende schafft es also samt Koffer in den Zug zu springen. Mehr aber auch nicht.
Die anderen 1000 Menschen sind nämlich logischerweise auch schon da. Da nützt einem die Sitzplatzreservierung für 4,50 Euro natürlich nichts. Und natürlich ist es fast unmöglich, im Zug die eigene Verabredung zu finden.

Wo ist die dritte Hand?

Man könnte sich auf den Koffer setzen – dessen Anschaffungspreis spricht aber deutlich gegen solche Experimente. Das mitgebrachte Buch ist auch umsonst geschleppt, weil das Lesen im Stehen an der dritten Hand scheitert.
Wenigstens besteht nicht die Notwendigkeit, auf das Klo zu müssen (dauerbesetzt) – Glückwunsch.
Nun könnte jemand annehmen, die Bahn verzichte auf Ticketprüfung – weit gefehlt. Egal wie lange es dauert, hier wird durchgegriffen.
Entschuldigung für die Verspätung des ursprünglichen Zugs? Fehlanzeige.
Frage nach den Ersatzverbindungen zur Weiterfahrt? Fehlanzeige: Die gar nicht gut gelaunte Kontrolleurin stößt dem unbotmäßigen Kunden Bescheid: Wir führen kein Kursbuch mehr mit uns. Auskünfte kann sie auch sonst nicht erteilen.

Umsteigen nach Nirgendwo

Kleinlaut geworden, stellt man das Fragen ein. Immerhin – inzwischen gibt es vereinzelt Sitzplätze.
Dann hält der Zug und gleich nebenan am Gleis steht ein ICE. Erfreuliche Durchsage: Hier könne man in den schnelleren Zug nach Kassel umsteigen.
War es Glück? Oder das Beharrungsvermögen des längst ermatteten Bahnreisenden? Die Entscheidung, im Zug zu bleiben ist jedenfalls richtig: Kaum sind die Reisenden ausgestiegen und haben den Zug auf dem Nachbargleis fast erreicht – fährt er los. Fast kann man die lange Nase erahnen, die die Bahn ihren Kunden dreht.
Immerhin: der langsamere Zug wartet auf die reuigen Rückkehrer, die geglaubt haben, ein ICE warte auf Kundschaft.
Dann endlich die Durchsage: Kassel. Eigenlich war man bloss zweieinhalb Stunden unterwegs – aber es fühlt sich an wie eine Tagesfahrt. Der Gedanke, dass sich das alles schon morgen wiederholen soll -grausig.
Und dann die Überraschung: Am Samstag fährt der Zug nicht nur pünktlich – es sind sogar Plätze im Restaurant frei – die Sonne scheint. Könnte doch immer so sein oder?
Nein, so wunderbare Gedanken kann die Bahn nicht dulden. Die Freude dämpft umgehend ein Mitarbeiter, der geschäftig an nahegelegenen Sicherungskästen schraubt. Besonders schnell fährt die Bahn auch nicht. Und um an die nebenan gelegenen Kästen zu kommen, hebt der Bahnmitarbeiter die Koffer daneben gleich beiseite. Natürlich so, dass die nächste Zugkurve sie stürzen lässt. Gut, dass da kein Glas drin ist. Und weil das Spiel soviel Spaß macht, spielen wir es gleich dreimal. Nicht, dass der Zug dadurch schneller würde.
Fazit:
Langweilig ist es jedenfalls bei der Bahn nie – und nach der Ankunft am Frankfurter Hauptbahnhof treibt einem der schöne Anblick des eigenen Autos die Freudentränen in die Augen. Dem verspreche ich: Nie wieder will ich untreu werden!

2 Kommentare »

  1. Nur leider bietet die deutsche Autobahn mindestens genauso viel Frustpotential wie die Deutsche Bahn. Für mich macht es keinen Unterschied, ob neben mir ein miesepetriger Knipser steht oder ein miesepetriger, hochwichtiger Staubsauger-Vertreter an meiner Stoßstange klebt, obwohl ich nichts anderes mache als im dichten Verkehr mitzuschwimmen. Nachdem man dann noch von mindestens zwei blinden “Rausziehern” ausgebremst wurde, hält man entnervt an einer Raststätte, um für 5.50 Euro ein pappiges Sandwich zu essen und seinen platt gedrückten Hintern wiederzubeleben. Analog zum Gang ins Bordbistro. Am Zielort angekommen wird noch über die Unfähigkeit deutscher Autofahrer abgekotzt und ich bin mindestens doppelt so schlecht gelaunt wie nach einer Bahnfahrt. Man muss sich allerdings fragen, wieviel Mitschuld in Form der eigenen Wahrnehmung bzw. Lebensphilosophie an diesem Frust dranhängt. Ob verspätete Züge, miefende Mitreisende oder drängelnde Egomanen einem das Leben schwer machen hängt eben davon ab, ob man diese Dinge mit Gleichmut (nicht Gleichgültigkeit!) betrachtet oder nicht.

    Comment by Robert — 24. September 2010 @ 02:21

  2. Na haben wir hier etwas geflunkert….?
    Die S6 nach Groß Karben 17:38 ab Süd kommt 17:49 in Tunnelbahnhof Gleis 104 an (und nicht 18) und wird schon lange nicht mehr mit der älteren Fahrzeuggeneration betrieben…..außerdem schafft man es nicht vor 17:51 Gleis 8 zu erreichen wenn man rennt….

    Comment by Le Darkside — 26. September 2010 @ 11:47

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