
Optimiert reisen - Probleme in einer Großstadt. (Bild: Boeckheler)
Woran erkennen Pendler schon am Bahnsteig Reisende, die nur gelegentlich auf einer Strecke unterwegs sind? Daran, dass sie an der Stelle warten, wo später der Gepäckwagen oder das Erste-Klasse-Abteil hält, habe ich jüngst als Antwort gelesen. Sie muss von einem sehr erfahrenen Pendler stammen, denn Gepäckwagen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Aber im Prinzip stimmt das. Denn wer täglich auf der gleichen Strecke fährt, beginnt ganz automatisch mit größeren und kleineren Optimierungen.
In meinem Fall betrifft das den Weg zwischen dem Frankfurter Hauptbahnhof und dem Südbahnhof. Anfangs steige ich wie selbstverständlich in die S-Bahn – immerhin steht das “S” ja für schnell. Aber bald wird mir klar, dass wenigstens einmal die Woche von einer T-Bahn – Trödel-Bahn – die Rede sein müsste. Auf der Zehn-Minuten-Strecke sammeln sich im Tunnel gerne mal zehn Extra-Minuten an – da ist der Fernzug nach Hause nur noch von hinten zu sehen. Das gleiche Ergebnis bekomme ich mit den Regionalzügen ab Südbahnhof, deren rotes +5 auf der Abfahrtstafel im Internet fast schon im Monitor eingebrannt ist.
Doch dann kommt der Tag, an dem die S-Bahn wegen einer Baustelle blockiert ist. Alles sollte anders werden. Während der Suche nach einer Alternative wird mir klar, dass die Straßenbahnen der Linie 16 ebenfalls nur zehn Minuten lang unterwegs sein sollen. Ein Test zeigt: Sie sind es auch – und Verspätungen selten. Schön zudem (vor allem im Sommer): Ich muss nicht in den dunklen Tunnel. Und kann sogar Radio-Nachrichten mit einem herkömmlichen UKW-Empfänger im Handy hören. Gibt’s was Besseres? Hätten Sie’s gedacht? Die Antwort lautet: ja, gibt es.
Ein früherer Kollege, den ich zufällig in einer Bahn treffe, schwört auf die U-Bahn. Unbequem umsteigen müsste ich dafür, aber ich probier’s aus. Ergebnis: Egal wann ich den Bahnsteig betrete – fast immer kommt grad ein Zug. Beim Umsteigen genauso. Acht bis neun Minuten Fahrzeit. Wenn ich drei Minuten nach der vollen Stunde die Redaktion am Südbahnhof (rennend) verlasse, schaffe ich zuverlässig den Intercity, der 20 nach am Hauptbahnhof startet. Optimaler geht’s nun wirklich nicht.
Allenfalls an Kleinigkeiten lässt sich noch feilen, denke ich mir, lasse die Schlange vor den Türen am ersten U-Bahn-Wagen hinter mir – und eile zur Mitte des Zuges. Denn dann könnte ich beim Umsteigen am Willy-Brandt-Platz direkt am Treppenaufgang zum anderen Bahnsteig aussteigen. Rumms, macht es da – und die Tür knallt direkt vor meiner Nase zu. Oh je! Zurück zum ersten Wagen – noch ein rumms. Das war überoptimiert. Skandal.
Während der zwei Minuten Wartezeit auf die nächste U-Bahn kommt mir der vage Gedanke, ob ich eigentlich noch ganz bei Trost bin. Acht Minuten, zehn oder mit Verspätung auch mal 16 Minuten – als hinge davon das Leben ab. Tut es natürlich nicht. Aber die größeren und kleineren Optimierungen, sie sind ein netter kleiner Zeitvertreib, die das tägliche Reisen ein bisschen spannender machen.


RSS Beiträge
Mensch, wie gut, dass Sie so gut rechnen können. Ihr Familie und Ihr Arbeitgeber wird Ihnen für die kostenbaren Minuten dankbar sein.
Comment by kam — 25. Februar 2010 @ 15:43
Kostbare _Minuten_? Es ist ne Stunde Unterschied, ob ich den nächsten IC erreiche oder nicht!
Comment by Michael Bayer — 25. Februar 2010 @ 21:58
Hierin stimme ich mit Ihnen im Vollen überein.
Ich sehe es als eines meiner Hobbys an, unterschiedliche Reisewege und Fahrwege mit öffentlichen Verkehrsmittels auszutesten und auch den effizientesten zu nutzen.
Ein weiterer Vorteil ist: Wenn auf einer Strecke nichts mehr geht, kenne ich mindestens eine Alternativstrecke mit welcher ich mein Ziel erreiche.
Das nenne ich optimieren.
Körbchen
Comment by Körbchen — 4. März 2010 @ 11:22
Vor einigen Tagen zeigte die DB ihre besondere Kundenähe dadurch, daß sie Kunden am Westbahnhof aus einem Wagen der S3 schlichtweg nicht herausließ, sondern mit zum nächsten Bahnhof (Messe) entführte.
Eine Mail an kundendialog@bahn.de erbachte mir einen Reisegutschein iHv 10 EUR.
Vieles liegt deshalb bei der Bahn im Argen, weil sich niemand über diesen Schrottladen beschwert, sondern die Sache in sich “hineinfrißt”. Es dürften hingegen nicht weniger Pendler sein, die morgens die Gelegenheit hätten, die Bahn kurz und knackig anzumailen. Es dürfte ebenso im Grunde kaum Chefs geben, die das als “Rrivatmail” attackieren würden. Denn pünkliche und zufriedene Mitarbeiter sind erst recht hilfreich, seit es die Bahn als neue Spaßbremse gibt.
Comment by Tilman Kluge — 4. März 2010 @ 14:13
Artikel: Berufspendlern über die Schulter geschaut der hat so recht mit dem Artikel….echt lustig
Comment by gunner — 8. März 2012 @ 17:52