14. Oktober 2010

D(B)rama.
Heute: Umsatzbringer Klima-Anlage

Category: PB3 - D(B)rama: Kurzdialoge aus der Bahn — Joachim Frank @ 15:33

D(B)rama. (Bild: Arnold)

Ort der Handlung: ICE 10/11 von Frankfurt nach Brüssel

Personen der Handlung:
Erster Reisender: Geschäftsmann, mit einer Gruppe englischsprachiger Kollegen auf dem Weg nach Brüssel
Zweiter Reisender
Zugbegleiterin
Zugchef

Die Temperatur im Abteil ist hochsommerlich.

Erster Reisender: You must know, they had a problem with the air condition. During the heat period the air condition in the ICE didn’t work. Imagine: During the summer, with all these glass windows, and no cooling… Enjoy! (Die Kollegen lachen und nicken) They even had to pay a rebursement to their customers. (Zugbegleiterin C. kommt vorbei.) Könnten Sie bitte mal was an der Klima-Anlage tun? Es ist reichlich warm hier drin.
Zugbegleiterin: Hmm. Ja, das stimmt. Ich weiß nicht. Ich kümmere mich darum. (Dreht am Temperaturregler der Abteilklimatisierung. Wendet sich an dann an den Zugchef, der gerade vorbeigeht) Hier, die Passagiere klagen über die Hitze.
Zugchef: Sie müssen die Tür geschlossen halten, dann funktioniert die Anlage. Außerdem kann man die hier runterregeln. (Auch er dreht am Temperaturregler.)
Zweiter Reisender (ungehalten): Das haben wir auch schon probiert. Was denken Sie denn?
Zugbegleiterin: Und die Abteiltür war die ganze Zeit geschlossen. Das habe ich gesehen.
Zugchef: Das sagst Du jetzt so. Du willst doch nur Deine Getränke verkaufen!
Zweiter Reisender: Das ist jetzt nicht Ihr Ernst?!
Zugchef (verunsichert): Ähm, nein. Ähm, ich schau’ mal, was sich machen lässt.

Zwei Minuten später. Die Temperatur im Abteil sinkt.

Szenenapplaus. Vorhang.

30. September 2010

D(B)Rama – Heute: Frau Ministerin,
Ihre Majestät und die Emirates

Category: PB3 - D(B)rama: Kurzdialoge aus der Bahn — Joachim Frank @ 11:28

D(B)rama. (Bild: Arnold)

Ort der Handlung: ICE 846 von Berlin nach Köln

Personen der Handlung:
Erste Reisende: Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt
Zugbegleiterin

Cornelia Pieper sitzt in einem Ruheabteil, direkt über ihr das entsprechende Piktogramm.
Sie telefoniert.

Cornelia Pieper: Ja, also wenn die Königin kommt, dann könnte ich mir vorstellen, auch nach Abu Dhabi zu fliegen. Da brauchen wir eine gute Flugverbindung. Am besten Emirates…
Hallo, Ulrike, hörst Du mich? Rufst Du mich bitte mal zurück.
Sie legt kurz auf. Die Gesprächspartnerin meldet sich erneut.

Cornelia Pieper: Also, die sieben Stunden von Tokio nach Abu Dhabi mit Emirates, was eine der besten Gesellschaften der Welt ist, das ist okay. Da müssen wir vorher den Tag in Tokio halt etwas abspecken. Gut, dann brauchen wir ein Hotelzimmer und bleiben den Tag in Abu Dhabi.

Pause Wann ist das? Hört zu. Um wie viel Uhr? Hört zu.

Dann müssen wir überlegen, ob wir vielleicht eher wegfliegen aus Tokio. Du brauchst den Tag in Abu Dhabi, sonst schaffst du das rein physisch nicht. Ja, und dann wär’s vielleicht ganz interessant, in Abu Dhabi einen Termin zu machen. Da gibt’s eine Wirtschaftsministerin. Und den Tag darauf dann weiter nach Bahrain, so dass wir pünktlich zum Fußballspiel da sind. Pause. Hört zu.

Nein, nur einen Termin machen, sonst nix. Wäre ja auch eine Variante. Wir haben das Programm so voll – China, Japan, das Ganze. Also, wir könnten überlegen, am Samstag zu fliegen und am Sonntag weiter nach Bahrain. So ungefähr. Pause. Hört zu. Hmm. Hmm.

Ja, du kannst mir das auf meinen Rechner schicken.
War sonst noch was? Pause. Hört zu.
Und welche Journalisten haben angerufen?

Zugbegleiterin: Wenn Sie telefonieren möchten, müssten Sie bitte rausgehen. Der Herr da vorne fühlt sich gestört.

Pieper steht bereitwillig auf, verlässt das Abteil.

Vorhang.

5. September 2010

D(B)rama. Heute: Benimmkurs

Category: PB3 - D(B)rama: Kurzdialoge aus der Bahn — Joachim Frank @ 18:23

D(B)rama. (Bild: Arnold)

Ort der Handlung: Ersatzzug für ICE 690 von München nach Berlin-Ostbahnhof

Personen der Handlung:
Erste Reisende: Frau X., blondiert, schweres Parfüm, schwerer Schmuck, schwerer oberbayerischer Akzent, schweres Business-Kostüm in schwer grellen Farben
Zweite Reisende: Renate Y., wie X., nur alles etwas dezenter
Zugbegleiterin: B. Jähnel

Der ICE 690 ist aus unbekannter Ursache ausgefallen. Stattdessen verkehrt mit geringer Verspätung ein Ersatz-IC bis Stuttgart. Dort wartet ein ICE zur Weiterfahrt. Alle planmäßigen Anschlüsse werden erreicht.

Frau X. und Renate Y., offenbar unterwegs zu einer Messe, stürzen kurz vor Abfahrt des Zuges in den Großraumwagen.
Frau X.: Wo sind denn unsere Plätze?
Reisender Z.: Gerade kam eine Durchsage. In diesem Ersatzzug seien keine Reservierungen möglich.
Frau X.: Sakra! So a Sauhaufen! Do klappt ja wieder goar nix.
Reisender Z.: Hier, die beiden Sitze sind frei. Ich mache Ihnen sofort Platz (räumt eine Tasche und einen Stapel Zeitungen beiseite).
Frau X.: Diese Bahn. Das Letzte. Das Allerletzte. Geh, Renate, sag, ist das net das Letzte?
Renate Y.: Doch. Das Letzte.

Zugbegleiterin B. Jähnel geht vorbei.

Frau X.: Sagen Sie, wie ist das mit unseren Reservierungen?
B. Jähnel: Es tut mir Leid, dies ist ein Ersatzzug. Da haben die Reservierungen keine Gültigkeit.
Frau X.: Aber die hab’ ich b-e-z-a-h-l-t.
B. Jähnel: Ja, die bekommen Sie natürlich auch erstattet.
Frau X.: Also, diese Bahn. Das Letzte. Das Allerletzte.

Gemeinsames Gezeter hält an.
Zugbegleiterin B. Jähnel geht vorbei.

B. Jähnel: Möchten Sie vielleicht etwas essen oder trinken? Leider kann ich Ihnen nur Snacks anbieten. Wir haben einen Defekt im Bistro.
Frau X.: Einen D-e-f-e-k-t? Diese Bahn. Das Letzte. Das Allerletzte.

Gemeinsames Gezeter hält an.
Zugbegleiterin B. Jähnel geht vorbei.

Frau X.: Sie, da vorne, die Toilette. Da steht, die sei defekt.
B. Jähnel: Ja, Sie müssten bitte ans Ende des Abteils gehen.
Frau X.: Ans Ende des Abteils? Also, diese Bahn. Das Letzte. Das Allerletzte. Geh, Renate, ich brauch’ einen Schnaps. Am liebsten hätt’ ich einen Schnaps. Oder?
Renate Y.: Ja.
Frau X.: Aber wer weiß, ob die hier Schnaps haben. Das Bistro ist ja defekt. Dieser Sauhaufen. Diese Bahn. Das Letzte. Das Allerletzte.

Gemeinsames Gezeter hält an.
Zugbegleiterin B. Jähnel geht vorbei.

Frau X.: Sie, hallo, Sie bestätigen mir jetzt auf der Stelle, was hier alles schief gelaufen ist. Und Ihren Namen brauch ich!
B. Jähnel: Sie brauchen am Schalter nur die Reservierung vorzuzeigen. Dann bekommen Sie diese erstattet.
Frau X.: Nix da! Alles schriftlich hier!
B. Jähnel: Also gut. Die fehlende Reservierung…
Frau X.: Und die kaputte Toilette. Und das defekte Bistro. Und dass Sie die Erste Klasse freigegeben haben für … alles Mögliche halt.
B. Jähnel: Wieso? Hier ist nichts freigegeben. Alle Passagiere haben einen Erste-Klasse-Fahrschein.
Frau X.: Äh. Ja? Ach so.
B. Jähnel: Hier ist jetzt erst mal meine Visitenkarte. Und das andere schreibe ich Ihnen jetzt hier hinten auf Ihren Fahrschein.
Frau X.: Ach, lassen Sie’s gut sein (winkt unwirsch ab)! Also, diese Bahn.

Gemeinsames Gezeter hält an.
Reisender Z. faltet eine großformatige Zeitung auseinander.
Frau X. tut mit großer Geste so, als müsste sie eine Wasserflasche auf dem Tisch vor dem Umfallen schützen.

Frau X. (schüttelt den Kopf): Geh, Renate, “nur wundern und schweigen”, hat’s im Benimmkurs geheißen.
Reisender Z.:
Der Kurs muss bei Ihnen aber schon lange her sein.
Frau X.: Und manche haben ihn gar nie besucht.
Reisender Z.: Haben aber trotzdem mehr Erfolg mit dem Benimm.

Schweigen.
Frau X. und Renate Y. feixen. Reisender Z. liest.
Frau X. und Renate Y. gestikulieren und grimassieren in Z.s Richtung. Frau X. zieht einen Zettel aus der Tasche, kritzelt in Art eines Kassiber etwas darauf und hält ihn Renate Y. hin. Die lacht, schreibt etwas zurück. Frau X. erwidert.

Schweigen bis Stuttgart.
Reisender Z. steigt aus.

Vorhang.

21. Februar 2010

D(B)rama. Heute: Kollateralschaden

Category: PB3 - D(B)rama: Kurzdialoge aus der Bahn — Joachim Frank @ 16:33

D(B)rama. (Bild: Arnold)

Ort der Handlung: ICE 810 (Frankfurt – Köln – Dortmund), ICE-Bahnhof Montabaur

Personen der Handlung:
Stimme von oben: Zugchef
Erste Reisende: ältere Dame, fein gekleidet
Zweite Reisende: ältere Dame, fein gekleidet

Der ICE steht länger als geplant auf dem Bahnhof Montabaur. Erste und zweite Reisende blättern im Katalog der Frankfurter Botticelli-Ausstellung

Stimme von oben: Meine Damen und Herren, unsere Abfahrt verzögert sich noch um einige Minuten. Im Bereich des Bahnhofs Bonn/Siegburg befinden sich Personen in den Gleisen.
Erste Reisende: (klappt den Botticelli-Katalog zu): Personen in den Gleisen? Ist ja unglaublich!
Zweite Reisende: Jawohl, unglaublich. Also, darauf würde ich keine Rücksicht nehmen. Einfach drüber – und fertig!
Erste und Zweite Reisende: Jawohl! (schlagen den Botticelli-Katalog auf)

Vorhang.

9. Februar 2010

D(B)rama. Heute: Geisterbahn

Category: PB3 - D(B)rama: Kurzdialoge aus der Bahn — Michael Bayer @ 15:58

D(B)rama. (Bild: Arnold)

Ort der Handlung: EC 391 Frankfurt a.M. – Stuttgart – München – Salzburg – Linz.

Personen der Handlung:
Stimme von oben: Zugbegleiter
Erste Reisende: erfahrene Pendlerin, Mitte 50
Zweite Reisende: junge Gelegenheitsfahrerin mit Kopfhörern im Ohr
Dritter Reisender: Pendler, Anfang 40

Wenige Minuten nach der pünktlichen Abfahrt in Frankfurt a.M. drosselt der EC bei Langen sein Tempo, bis er steht.
Stimme von oben: Dies ist ein außerplanmäßiger Halt wegen eingleisiger Streckenführung. Wir müssen einen Gegenzug passieren lassen.
Erste Reisende: Heute morgen hieß es in der Regionalbahn, die in Bensheim um 5.33 Uhr startet, beim Halt in Darmstadt: “Weiterfahrt verzögert sich etwas wegen Personalproblemen.” Da haben alle im Zug gelacht.
Auf dem Gegengleis rauscht ein Zug flott vorbei. Ein kräftiger Luftzug erfasst den wartenden EC. Das kleine Klappfenster oben neben der zweiten Reisenden kracht laut. Sie wird aus ihrem Musikgenuss herausgerissen und bewegt sich ruckartig seitlich weg vom Fenster.

Erste Reisende: Zehn Minuten später kam dann in der Regionalbahn die zweite Ansage: “Wegen Personalproblemen endet dieser Zug hier. Bitte steigen Sie alle aus in die Regionalbahn nach Frankfurt um 6.30 Uhr.” Aber auf welchem Gleis die abfährt, haben sie nicht gesagt. Da hat keiner mehr gelacht.
Der EC 391 rollt wieder langsam an.

Stimme von oben: Wir haben jetzt leider eine Verspätung von zehn Minuten.
Auf der rechten Seite überholt völlig überraschend ein Intercity. Die Reisenden im EC 391 schauen sich fragend an.
Stimme von oben: Wir fahren heute leider ohne den Wagen 271. Das ist das Zugbistro. Wir bieten Ihnen im Wagen 270 ein stark eingeschränktes Angebot. Ab Stuttgart gibt’s dann auch belegte Baguettes.

Der EC beschleunigt – und bremst plötzlich scharf.
Stimme von oben: Meine Damen und Herren, die Weiterfahrt verzögert sich leider wegen eines vor uns liegen gebliebenen IC. Kurz darauf: Wir haben jetzt leider eine Verspätung von 20 Minuten.

Auf dem Gegengleis rauscht ein weiterer Zug flott vorbei. Erneut erfasst ein kräftiger Luftzug den wartenden EC. Das kleine Klappfenster oben neben der zweiten Reisenden kracht wieder laut. Wieder wird sie aus ihrem Musikgenuss herausgerissen und bewegt sich ruckartig seitlich weg vom Fenster.
Dritter Reisender: Das hier ist eine Geisterbahn. Wahrscheinlich wird beim Aussteigen dafür ein Extra-Zuschlag erhoben.

Vorhang.

4. Februar 2010

D(B)rama. Heute: In eigenem Ermessen

Category: PB3 - D(B)rama: Kurzdialoge aus der Bahn — Joachim Frank @ 17:53

D(B)rama. (Bild: Arnold)

Ort der Handlung: ICE 813 (Dortmund – Frankfurt), ein 1.-Klasse-Abteil

Personen der Handlung:
Herr Schmidt, Zugbegleiter
Erster Reisender: Geschäftsreisender
Zweiter Reisender: Backpacker

Schmidt (zum Ersten Reisenden): Den freien Platz neben Ihnen, den brauche ich mal.
Erster Reisender: Ähm, ja, natürlich. Warten Sie, ich räume mal eben meine Tasche weg.
Schmidt (zum Zweiten Reisenden): So, bitteschön, hier können Sie sich hinsetzen.
Erster Reisender (zum Zweiten Reisenden): Sorry. Hätten Sie doch selbst was gesagt!
Zweiter Reisender: Ne, das ging nicht. Ich hab nur ein 2.-Klasse-Ticket.
Erster Reisender: Ach so. (zu Schmidt) Sagen Sie, entscheiden Sie das, ob Sie die 1. Klasse öffnen?
Schmidt: Also, der Zug ist überfüllt, weil wir nur mit einem Zugteil fahren. Schuld der Bahn, klarer Fall. Da werde ich doch nicht die Leute aus der 2. Klasse stehen lassen, wenn hier noch was frei ist.
Erster Reisender: Gute Sache!
Schmidt: Gute Fahrt!

Vorhang.

1. Februar 2010

D(B)rama. Heute: Soljanka

Category: PB3 - D(B)rama: Kurzdialoge aus der Bahn — Joachim Frank @ 16:37

D(B)rama. (Bild: Arnold)

Ort der Handlung: ICE 842 (Berlin – Köln)

Personen der Handlung:
Ein Zugbegleiter
Er: Reisender, ca. 50, weißes Hemd, Krawatte, schwarzer Dreiteiler

Zugbegleiter: Darf’s für Sie noch etwas aus dem Bordrestaurant sein?
Er: Was gibt es denn?
Zugbegleiter: Also, im Angebot ist eine Soljanka.
Er: Was ist denn das Angebot?
Zugbegleiter: Soljanka! Aber wir haben auch ein Schinken-Käse-Baguette oder eine Sauerkraut-Suppe oder ….
Er: … nein, das Angebot…
Zugbegleiter: Soljanka!
Er: Ja, aber was ist das Angebot?
Zugbegleiter: (schweigt verwirrt)
Er: (betont langsam) Was kos-tet das?
Zugbegleiter: Ach so, 9,80.
Er: (laut und mit scharfer Stimme) Das ist doch kein An-ge-bot! (Pause) Bringen Sie mir eine Currywurst!

Einige Minuten später. Der süßliche, leicht penetrante Geruch von Curry und Gebratenem durchzieht das Abteil. Der Reisende isst, hastig und lustlos. Der Zugbegleiter kommt vorbei.

Er: Also, nichts für ungut! Ich hab’s grad nicht so gemeint. Ich wollte doch nur wissen, was das Angebot ist.
Zugbegleiter: (nickt) Ja. Soljanka.
Er: Wissen Sie, es ist nämlich so: Ich esse leidenschaftlich gerne – Soljanka.

Vorhang.